Inkontinenz

Aufgrund der komplexen Funktionsweise der Blase ist die Liste der möglichen Inkontinenz- Ursachen entsprechend lang. Unterschieden werden neurologische und nicht-neurologische Ursachen. Die nicht-neurologischen, also jene Ursachen, die das Organ selbst betreffen, diagnostiziert der Tierarzt/Tierärztin am häufigsten (u.a. Anomalien, Tumore, Traumata, Kastration). Hierzu zählen auch die lokalen Infekte der Harnblase (Zystitis) oder der Harnröhre (Urethritis), die einen dauernden Harndrang mit mehr oder weniger unwillkürlichem Harnabgang verursachen.

Die Kastration besitzt die größte Bedeutung bei den nicht-neurologischen Ursachen. Diese als ”Sphinkterinkompetenz” bezeichnete Beeinträchtigung der Verschlussfähigkeit der Blase kann jederzeit nach der Kastration auftreten. Sie wird jedoch meist in ca. 75% der Fälle - innerhalb der ersten drei Jahre nach dem Eingriff beobachtet. Ein inkontinentes Verhalten kann bereits 14 Tage nach Kastration auffällig sein. Die Ursachen für diesen sehr frühen Zeitpunkt sind nicht bekannt. Zeiträume von zehn und mehr Jahren sind allerdings auch keine Seltenheit.

Inkontinente Hündinnen verlieren meist im Liegen und vor allem während des Schlafes Urin. Ansonsten zeigen sie einen in der Frequenz und Menge normalen Harnabsatz. Auch die Urinanalyse zeigt keine Auffälligkeiten. Hündinnen schwerer Rassen sind dabei häufiger betroffen als Hündinnen mit einem Körpergewicht von unter 20 kg. Das Problem der Harninkontinenz tritt auch bei Rüden in Erscheinung. Die klare Risikoerhöhung der Inkontinenz durch Kastration wie sie bei der Hündin besteht (28%), ist beim Rüden jedoch nicht so hoch (9%).
Ein weiterer Unterschied ist, dass inkontinente Rüden permanent Urin verlieren, während Hündinnen meist nur während des Schlafes inkontinent sind.

Keine Inkontinenz liegt vor...

Hunde, die individuell viel trinken, neigen gezwungenermaßen zu Harnabsatz auch während der Nacht. Gelegentlich passiert es, dass diese Hunde mit einem scheinbaren Inkontinenzproblem beim Tierarzt/Tierärztin vorgestellt werden. Das Harnträufeln, das bei freudiger Erregung gelegentlich zu erkennen ist, zählt auch nicht zum Symptomkomplex Harninkontinenz. Wenn eine definitive Inkontinenz bereits vor der Kastration bestanden hat, sollten ungenügende Erziehung oder Fehlbildungen des Harntraktes als Ursache in Betracht gezogen werden. Hier ist dann die tierärztliche Diagnostik gefragt.

Kastration und Harninkontinenz - wie hängt beides bei der Hündin zusammen?

Bereits ein Jahr nach Operation lässt der Harnröhrenverschlussdruck bei allen kastrierten Hündinnen messbar nach. Aber nur bei den besonders disponierten Rassen kommt es zur Inkontinenz. Ein zentraler Grund scheint der Mangel an Östrogenen (Eierstockhormonen) zu sein. Widersprüchlich ist jedoch die Tatsache, dass nicht alle sondern nur etwa 28% der kastrierten Hündinnen inkontinent werden. Darüber hinaus zeigten zugeführte Östrogene bei einem Viertel der behandelten Hündinnen keine Wirksamkeit (Arnold et al. 1989). Weitere Faktoren werden diskutiert:

Nach der Ovariohysterektomie (Entfernung von Eierstock und Gebärmutter) können in der Heilungsphase Verklebungen im Bereich der Blase auftreten, die insgesamt ihre nervale Versorgung beeinträchtigen und zu einer Funktionseinschränkung, sprich zu einer Inkontinenz, führen können.

Möglicherweise ist die anatomische Lage der Blase von entscheidender Bedeutung für das Problem. Besitzt sie eine mehr beckenorientierte Lage, so scheint das Inkontinenz-Risiko erhöht.

Zusammenfassend kann man heute davon ausgehen, dass der kastrationsbedingte Östrogenmangel ein zentraler, wenn auch nicht der alleinige Auslöser der Harninkontinenz ist. Fachleute sehen die Harninkontinenz inzwischen als ein multifaktorielles Geschehen, bei dem die individuelle Disposition (schwere Rasse, Adipositas, Operationskomplikationen, anatomische Besonderheiten) eine entscheidende Rolle spielt. Mit diesem Wissen kann der Tierarzt/Tierärztin relativ sicher die Diagnose ”Harninkontinenz nach Kastration” stellen, wenn typischerweise hinzu kommt, dass das Harnträufeln nur während des Schlafes auftritt. Die medikamentöse Behandlung ist der nächste Schritt, um der Hündin und dem Mensch zu helfen.

Erfolgreiche Behandlungsmethoden

Es werden eine Vielzahl unterschiedlicher Behandlungsmethoden empfohlen. Die medikamentöse Behandlung stellt in der Regel die Methode der Wahl dar und geht der chirurgischen Intervention immer voraus. Die Wirkungsweise der eingesetzten Substanzen besteht in einer Erhöhung der Verschlusskraft des Harnröhrenmuskels (Sphinkter). Im Endeffekt führt dies zu mehr oder vollständiger Kontinenz. Die Mehrheit der betroffenen Hündinnen reagiert sehr gut auf diese konservative Behandlung, die meist ein Leben lang erforderlich ist.

Was hilft noch?

Akupunktur und Neuraltherapien sollen insbesondere bei zu Nebenwirkungen neigenden Hunden einen guten Erfolg haben. Homöopathika werden ebenfalls oder zusätzlich eingesetzt. Entsprechende Studien über ihren Erfolg liegen jedoch nicht in ausreichendem Umfang vor. Auf die chirurgischen Verfahrensweisen soll hier nicht eingegangen werden. Sie stellen in jedem Fall die ultima ratio dar, wenn Medikamente keinen Erfolg hatten. Die tiermedizinisch genutzten Techniken entsprechen denen der Humanmedizin. Die Erfolgsquote liegt bei 75% (Arnold 1997).

Fazit

Da keine Therapie vollkommen ist und auch die konservative Behandlung der kastrationsbedingten Harninkontinenz relativ kostenintensiv ist (lebenslange Therapie), sollte bei bestimmten Hunderassen eine Kastration wohlüberlegt sein. Tierarzt oder Tierärztin können aufgrund ihrer Kenntnisse das individuelle Harninkontinenz-Risiko relativ gut einschätzen. Kommt es dennoch zu einer kastrationsbedingten Harninkontinenz, so ist die durch Medikamente erreichte Erfolgsquote sehr hoch. Dabei sind die Sympathomimetika - und hier insbesondere das Phenylpropanolamin - den Hormonpräparaten aufgrund der besseren Verträglichkeit und Wirksamkeit vorzuziehen. Eine Kombination beider Wirkstoffe kann im Einzelfall ebenfalls erfolgreich sein.